Interview mit Stefan Martini – Leiter des VOSTde

VOSTde – was ist das? Es ist das „Virtual Operations Support Team Deutschland“ des THW. Und es unterstützt alle BOS beim Monitoring von sozialen Medien während oder nach Großveranstaltung, einem schweren Unglück oder einer Katastrophe. Für mein neues „Handbuch Social Media im Einsatz“ habe ich ein Interview mit  Stefan Martini geführt.

Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Bevölkerungsschutz, Katastrophenhilfe und Objektsicherheit der Bergische Universität Wuppertal und Leiter des Deutschen Virtual Operations Support Teams Deutschland (VOSTde), bei dem ich mich ebenfalls ehrenamtlich engagiere.

Stefan, wie ist eigentlich die Idee zum VOST Deutschland entstanden?

Stefan Martini: Wir haben gedacht: Das, was wir in der Wissenschaft machen, kommt nicht in der Praxis an. Es war so ein bisschen Angst vor Neuem und „das, was wir haben – das funktioniert doch eigentlich!“. Und es war eine spannende Herausforderung, da eine Brücke zu schlagen. Dieser Brückenschlag sollte das VOST sein – es war ganz klar: Das VOST musste eine BOS-Organisation sein, damit der traditionsbewusste Bevölkerungsschutz einen Anknüpfungspunkt hatte. Also eine Organisation wie das Technische Hilfswerk, die ist bekannt, mir der arbeiten wir zusammen und die bringt jetzt etwas Neues ein. Bei dieser Organisation selbst war das VOST natürlich völlig neu. Es gelang dann aber sehr schnell, Interesse zu wecken – das ist aber sehr schnell gegangen. Da bin ich echt begeistert vom THW.

Wie ist das VOSTde derzeit untergliedert?

Stefan Martini: In weitgehender Unkenntnis dessen, was die andere Teams international so gemacht haben, haben wir uns zuerst überlegt: Wie baut man ein VOST am besten auf?  Von Anfang an war klar: Wir brauchen jemanden, der alles in den Stab oder in das Führungsgremium einbringt, das heißt, es gibt einen Verbinder, der dann die Ideen hinträgt. Dann brauchen wir jemanden, der das Team leitet, den Teamleader. Und natürlich auch die Leute, die arbeiten, die Teammember. Das war die ursprüngliche Aufstellung. Und dann haben wir jetzt durch die Arbeit gesehen: Diese Trennung zwischen Teamleader und Verbinder muss nicht immer unbedingt sein. Derjenige, der vor Ort beraten kann, kann auch durchaus derjenige sein, der das ganze Team leitet.

Jetzt wo wir mehr werden, ist klar: Es gab bei vielen von uns immer Interessensschwerpunkte. Und das waren die vier Aufgaben, die wir haben: Digitale Lageerkundung zusammen mit Social Media Monitoring, dann Crisis Mapping, Kollaboration, also Zusammenarbeitsplattformen und als vierter Bereich die Unterstützung bei der Kommunikation nach Aussen über Social Media. Das wird inzwischen durch den Bereich PR-Arbeit ergänzt.

Mit den ersten Erfahrungen haben wir gesehen: Es macht Sinn, uns nach Fachgruppen zu unterteilen. Also gibt es nicht nur das eine große VOST, wo alle drin sind, die alles können, sondern es gibt jetzt für diese vier Bereiche Spezialisten. Man kann die einzelnen Fähigkeiten oder Fachgruppen getrennt anfordern oder das ganze Paket. Und der Verbinder vor Ort kann entscheiden: „Was brauchen wir denn eigentlich?“

Ich habe mit den Teammitgliedern eine gemeinsame Grundausbildung und werden dann noch eine Spezialisierungs-Ausbildung in den einzelnen Fachgruppen bekommen.

Was sind das eigentlich für Leute, die sich für das VOSTde zusammengefunden haben –  wo ist da der gemeinsame Nenner?

Stefan Martini: Es gibt zwei gemeinsame Nenner. Das eine, was uns ganz wichtig war, ist ein Hintergrund im Bevölkerungsschutz, das heißt, das sind alles keine Leute, denen der Bevölkerungsschutz neu war – so wie man denken könnte, das sind alles Nerds oder Techies und wir bringen denen so ein bisschen Bevölkerungsschutz bei – nein, es ist eher andersherum gelaufen. Wir haben geschaut, dass wir nur Leute haben, die schon Ausbildung und Erfahrung im Bevölkerungsschutz haben, möglichst auch auf höheren Führungsebenen. Die allerdings dann aber auch so offen und so interessiert waren, dass sie Teile oder sogar den Gesamtbereich der Social Media, den wir abdecken wollten, auch abdecken konnten.

Das heißt, wir haben Leute dabei, die schon im Bevölkerungsschutz waren und die das Crisis Mapping interessiert hat und die schon in der digitalen Lageerkundung aktiv gewesen sind. Christoph Dennenmoser, zum Beispiel. Oder Leute, die im Social Media Monitoring schon sehr erfahren waren – auch aus dem süddeutschen Raum. Ich glaube, wir hatten keinen Generalisten, der in allen Bereichen erfahren war, aber zumindest in einem und gesehen hat: „Da gibt es noch was Neues, da gibt es noch mehr, da gibt es etwas, das kann ich in die alt-etablierten Strukturen noch einbringen.“ Es ging darum, die Methoden, die wir aus unserer eigenen Ausbildung kannten, weiter zu entwickeln – über Technologien und Social Media.

Dadurch, dass wir aus unterschiedlichen Bereichen kamen, war es spannend zu sehen, wie die Leute auch an den Kenntnissen der anderen gewachsen sind. Und jetzt haben wir sehr viele Leute, die sehr breit aufgestellt sind, aber am Anfang schon sehr etabliert in einem Thema waren.

Dabei sind Leute von Rettungsassistenten über etablierte Feuerwehrpressesprecher bis hin zu Mitarbeitern von Bundesbehörden, aber auch ein Doktor der Informatik.

In welchen Ländern gibt es VOSTs, von denen sich die Deutschen etwas abgucken können?

Stefan Martini: Die anderen europäischen Teams haben im Prinzip gesagt: „Schön, dass ihr da seid, wir haben lange auf Euch gewartet und freuen uns, dass ihr jetzt dabei seid!“ Das Ganze ist sehr partnerschaftlich, es gibt auch eine gemeinsame Arbeitsgruppe, das ist das VOST Europe, das sich schon sehr früh gegründet hat, das jetzt bei der ersten großen Konferenz auch institutionalisiert werden soll.

Das Spannende ist, dass wir eine große Gemeinschaft sind. Das Ganze ist geprägt von einem sehr starken Miteinander. In Europa gibt es zwei VOST, die als Leuchtfeuer in Europa gehandelt werden. Das ist einmal das französische VOST, und das andere tatsächlich das deutsche Team. Denn mit ihnen sieht man die ganze Breite der Möglichkeiten, wie so ein VOST sein kann.

Das französische VOST war als rein freiwillige Organisation ohne Struktur gestartet und wurde erst später eine Einheit einer öffentlichen Struktur, bei staatlichen Stellen angegliedert. Der andere Weg ist das, was wir gemacht haben, wir sind direkt an eine Behörde angegliedert gestartet. Die zweite Frage ist: Wie läuft das Team eigentlich? Das französische Team ist immer aktiv und postet interessante Sachen. Und wir in Deutschland werden nur bei Alarmierung aktiv.

Dann ist es noch ein Unterschied, ob ein VOST auf Länderebene organisiert ist oder kleinteiliger. In Deutschland und Frankreich sind es Bundesinstitutionen, in Spanien dagegen gibt es einen freiwilligen Zusammenschluss, aber jede Region hat ein eigenes VOST.

Wo siehst Du die Einsatzbereiche des VOST in Deutschland?

Stefan Martini: Da müssen wir unterscheiden: Einfach ad hoc oder auf längere Sicht. Ad hoc sind das alle Lagen oberhalb der Großschadenslage. Katastropheneinsätze, die eine etwas längere Vorlaufzeit haben. Für den Gefahrgutunfall auf der Autobahn, der innerhalb einer Stunde abgearbeitet ist, da ist ad hoc sicherlich wenig Ansatzpunkt, weil unsere Aktivierungszeit dafür zu lang ist.

Ansonsten denke ich, können wir zu fast jedem Szenario etwas beitragen. Eines unserer wichtigsten Themen ist: „Wie warne ich die Bevölkerung?“

Wir wollen auf Messe und Kongressen den Behörden zeigen, was möglich ist. „Wenn ihr wollt, dann warnt doch auf Whatsapp! Richtet eine Gruppe ein, oder richtet eine Facebook-Gruppe ein, richtet Twitter ein!“

Überall da, wo Führungskräfte offen sind, neue Methoden auszuprobieren –  können wir tatsächlich was bewegen.

Weitere interessante Infos zum Umgang von BOS mit Social Media und wichtige Tipps gibt es in meinem  „Handbuch Social Media im Einsatz“ .

Text und Foto: Jan Müller-Tischer, Trainer und Berater für BOS und Katastrophenschutz