In der Freizeit Leben retten

Auf dem dritten Zukunftsforum Rettungsdienst in Hamburg war Helge Sillmann vor mir dran. Mit einem sehr spannenden Thema:  Er ist Oberarzt Anästhesie im  Marienhospital Vechta und Mit-Organisator der Initiative ErLeben. Das Projekt ist eine Kooperation der Landkreise Ammerland, Cloppenburg, Oldenburg, Vechta und Wesermarsch sowie der kreisfreien Städten Delmenhorst und Oldenburg. Es basiert auf der App coprhelp3er.

Die Zahlen sind dabei schon krass: 75.000 Menschen erleiden pro Jahr in Deutschland einen Herzkreislaufstillstand – das sind 81 auf 100.000 Einwohner. Pro Minute ohne Wiederbelebung sinkt die Überlebensrate um 10 Prozent. Das Problem: In ländlichen Gebieten kann es auch schon mal 20 Minuten oder länger dauern, bis das erste Rettungsmittel vor Ort ist. Dazu kommt: In Deutschland gibt es wesentlich weniger Wiederbelebungen durch Laien als in anderen europäischen Ländern.

Da ist es naheliegend, diejenigen, die in der Nähe sind und grundlegende Ahnung haben, zu alarmieren, um die entscheidenden ersten Minuten zu überbrücken. Zwei Jahre dauerte es, bis die App einsatzbereit war – jetzt werden im ersten Schritt Helfer der BOS registriert, dann in einem zweiten Schritt alle interessierten Bürger, die sich entsprechend fortgebildet haben.

Sie werden alarmiert, wenn sie sich in einem Radius von 300m (Stadt) oder 500m (Land) um den Einsatzort befinden. Bis zu drei potentielle Helfer werden informiert, sie können frei entscheiden, ob sie den Einsatz übernehmen oder ablehnen.  Der erste direkt zum Patienten, der zweite zum nächstgelegenen Defibrillator, um ihn an die Einsatzstelle zu bringen. Der dritte kommt wiederum direkt an den Notfallort. Eine psychologische Betreuung nach dem Einsatz ist möglich.

Die Resonanz ist großartig: 136 Menschen hatten sich in den teilnehmenden sieben Landkreisen und kreisfreien Städten in Niedersachsen schon registriert,  bevor es losging. Jetzt sind es um die 400. Mit derselben App als Grundlage gibt es ähnliche Initiativen auch in Duisburg und Greifswald. Mit anderen Apps, aber einem ähnlichen Konzept sind noch weitere aktiv, wie etwa „Meine Stadt rettet leben“ hier bei uns in Schleswig-Holstein.

Weitere Infos gibt es unter: www.projekt-erleben.de

Der einzige Nachteil an der derzeitigen Entwicklung ist, dass es immer mehr Apps rund um den Notfall gibt.

  • NINA, KATWARN, DWD Warnwetter und Biwapp als Warnapps
  • Die (noch namenlose) Notrufapp, die sich derzeit in der Testphase befindet.
  • Und eben die hier angesprochenen Apps: Neben coprhelp3er  unter anderem noch Mobile Retter, Meine Stadt rettet leben und First AED.

Wird leider schwierig werden, die Bevölkerung dazu zu bringen, möglichst viele davon auf ihrem Handy zu installieren.

Text: Jan Müller-Tischer, Trainer und Berater für BOS und Katastrophenschutz