Was passiert in den sozialen Medien nach einem Unglück auf einem Festival?

Ein Rockfestival. Schlechtes Wetter kommt auf. Am Samstag nach Mitternacht zieht ein Tornado quer über das Festivalgelände. Die Folge: Massive Schäden an der Infrastruktur, Stromausfall. Viele Verletzte melden sich beim Sanitätszelt. Zunächst haben der örtliche Sanitätsdienst und der Regelrettungsdienst die Lage im Griff – doch dann melden sich immer mehr Verletzte. Die Behörden alarmieren gemäß GröNo4, doch auch das reicht nach kurzer Zeit nicht mehr aus.

In der Nacht ruft der Landrat schließlich den Katastrophenfall aus und alarmiert zahlreiche BOS-Einheiten aus Schleswig-Holstein und Niedersachsen zur Unterstützung. Alle Hilfsorganisationen und die Bundeswehr sind beteiligt. Ihre Aufgabe: Versorgung von 100 Verletzten pro Stunde ab 10 Uhr vormittags.

Das ist das Szenario, das wir in meinem Heimatkreis Steinburg in Schleswig-Holstein am vergangenen Wochenende geübt haben. Hier auf meinem Youtube-Kanal gibt es die Videos, die ich als Dokumentation dazu gedreht habe.

Während ich da nun im Dauerregen stand, musste ich darüber nachdenken, wie es bei so einer Lage wohl in den sozialen Medien ausgesehen hätte. Ich habe die Steinburger Übung mal in diese Richtung weitergedacht.

 

Die Lage vor dem Ereignis:

Fast alle der vielen Fans haben ihr Handy dabei. Sie laden es regelmäßig an der Autosteckdose nach und kommunizieren über Messenger, um sich beispielsweise auf dem Festivalgelände zu verabreden. Viele von ihnen posten Nachrichten und vor allem  Fotos auf Facebook und Twitter. Es gibt eine gut funktionierende Festival-App, über die der Veranstalter regelmäßig Informationen an die Teilnehmer ausgibt. Die Besucher sind es gewohnt, so schnell über Änderungen und wichtige Ereignisse informiert zu werden.

Da die örtliche, ländliche Infrastruktur mit diesem Daten- und Gesprächsaufkommen völlig überlastet wäre, sind an mehreren Stellen auf dem Festivalgelände Funkmasten der Handynetzbetreiber aufgestellt. Sie stellen eine relativ gute Versorgungsqualität sicher.

Viele Angehörige erfahren so und über die Medienvertreter, die zahlreich auf dem Gelände vertreten sind, von den schlechten Witterungsbedingungen und suchen Kontakt zu den Festivalbesuchern.

 

Direkt nach dem Ereignis:

Der Strom auf dem Festivalgelände fällt durch den Tornado teilweise aus. Die bereit stehenden Techniker versuchen, die Versorgung wieder herzustellen. Trotzdem funktioniert ein Teil der mobilen Funkmasten für das Handynetz für einige Zeit nicht mehr.

Die Handys der Festivalbesucher buchen sich jetzt automatisch in die umliegenden Funkmasten der Region ein, die aber schnell überlastet sind. Telefonate und Nachrichtenaustausch sind stark erschwert oder gar unmöglich. Die fehlende Kommunikation sorgt für starke Unruhe auch unter den nicht direkt Betroffenen.

Viele Verletzte versuchen, über Handy den Notruf zu erreichen. Andere Festivalbesucher wollen Fotos und Infos zu dem Ereignis posten und sich mit ihren Freunden austauschen. Die Nachrichten und Daten kommen aber nur noch zum Teil durch. Dadurch erreichen die Informationen des Veranstalters per App nur noch einen Teil der Gäste. Über die funktionieren Lautsprecheranlagen und sofort eingesetzte Lautsprecherwagen können aber die meisten Teilnehmer erreicht und nach und nach informiert werden.

 

Am nächsten Morgen:     

Auf dem Festivalgelände ist die Situation unter Kontrolle. Die Besucher sind großenteils informiert und bereiten ihre Abreise vor. Immer mehr Journalisten machen sich auf den Weg zum Festivalgelände. Auch durch sie verstärkt sich die Überlastung des Handynetzes.

Am Morgen verbreiten sich die Nachrichten von dem Zwischenfall auf dem Festivalgelände über die Medien und Posts in den Social Media, die durchgekommen sind. Die Angehörigen sehen Fotos von starker Zerstörung und verletzten Menschen, können ihre Freunde und Kinder auf dem Festivalgelände aber nicht erreichen.

Sie versuchen nun per Telefon, an Informationen zu kommen. Dadurch sind die Telefonanschlüsse des Veranstalters, der Leitstelle, der örtlichen Feuerwehren, der benachbarten Kliniken und der Kreisverwaltung überlastet. Ein Bürgertelefon wird eingerichtet, kann den Ansturm aber nicht bewältigen. Wegen der großen Zahl der Betroffenen ist es auch schwierig, alle Informationen zusammenzufassen.

Einige Angehörige installieren die App des Veranstalters, um Informationen aus erster Hand  zu bekommen. Diejenigen, die nicht zu weit weg wohnen, fahren Richtung Veranstaltungsgelände, um sich zu informieren. Dadurch entsteht rund um das Festivalgelände ein Verkehrschaos, die Einatzkräfte kommen nur schwer durch, um zu helfen.

 

Fazit:

Neben der Kommunikation mit den Festivalbesuchern ist es auch notwendig, die Information der Angehörigen Zuhause sicherzustellen.

Eine schlechte Kommunikationslage nach einem solchen Ereignis kann die Situation unnötig verschlechtern. Eine solche mögliche Lage muss bei großen Festivals deshalb unbedingt vorher mitgedacht werden, Redundanzen in der öffentlichen Kommunikation sind ebenso wichtig wie für der Funkversorgung der Einsatzkräfte.

Möglich wäre, zusätzliche, autarke Basisstationen und freie W-Lan-Netze bereitzuhalten, die über Richtfunk an weiter entfernte Infrastruktur angebunden sind. Sie können nach so einem Ereignis schnell aktiviert werden, um die Kommunikation der Festivalgäste untereinander und mit Angehörigen sicherzustellen.

Habt ihr Anmerkungen und Ergänzungen dazu? Ich freue mich und nehme sie gerne hier in  meinen Blogpost auf.

 
Text und Foto: Jan Müller-Tischer, Trainer und Berater für BOS und Katastrophenschutz