Lehren aus dem Amoklauf: Ein Gespräch mit Oliver Timper von der Polizei München

Müssen Rettungsdienste, Feuerwehren und Katastrophenschutz in den Sozialen Medien präsent sein?

Auf jeden Fall – meint Oliver Timper. Er ist der Leiter der Abteilung Social Media in der Polizei München. Sie müssen sich ausreichend vorbereiten, damit sie schnell reagieren können – und sich mit allen BOS genau absprechen. Das sind die wichtigsten Lehren, die er aus dem Amoklauf am Olympia Einkaufszentrum in München zieht.

Der Amoklauf am Olympia Einkaufszentrum aus Sicht der Social Media Redaktion der Polizei München

Die ersten Schüsse am OEZ fielen gegen 17:50 Uhr. Eine gute halbe Stunde danach sendete das Team um Oliver Timper den ersten Tweet.

timper„Wir wurden alle von Zuhause aus alarmiert. Was ganz wichtig ist, ist die Informationsgewinnung – da muss man ganz nah dran sein. Wir haben uns immer überlegt – wenn was sein sollte, wo docken wir an, wo sind wir dabei? Die ersten Tweets, die wir gesteuert haben – das waren eigentlich nichts anderes als Warnmeldungen, wenn man so will. Eigentlich haben wir das gemacht, was man früher mit dem Megaphon gemacht hat.“

Die Polizei München war vorbereitet. Einen Facebook- und einen Twitteraccount eingerichtet und gepflegt – so dass es schon vor dem Amoklauf  bei Twitter 78.000 Follower gab. (Danach waren es 240.000.) Wichtig auch: Vorher überlegen – welche Meldungen können schon in der Anfangsphase einer größeren Lage herausgegeben werden? Selbst dann, wenn noch kaum Informationen vorliegen? Auch wenn es zunächst paradox klingt: Solche Meldungen sollten fertig vorliegen, damit man sie dann schnell aus der Schublade ziehen kann.

„Unser Account besteht schon seit zweieinhalb Jahren und wir haben von Vornherein die Erfahrung gemacht, dass wir möglichst schnell aktiv werden müssen. Das widerspricht natürlich  zum Teil der behördlichen Struktur. In der traditionellen Öffentlichkeitsarbeit ist das so: Da ist das Ereignis, und nach ein – zwei Stunden frühestens kommt dann irgendwann einmal die Pressemeldung. Auf Social Media geht so was nicht.“

Twitter und Facebook – wichtig gerade in der Chaosphase

Und das gerade einer Phase der Unsicherheit, wenn auch die Polizei noch keine klaren Informationen darüber hat, was genau passiert. Denn sonst holen sich die Menschen ihre Informationen von Augenzeugen und nicht vertrauenswürdigen Quellen.

„Nach einiger Zeit ist die Vorbereitungsphase vorbei Irgendwann muss man sich hinstellen und sagen: Was ist am Laufen. Wir hatten eine lange Chaosphase beim OEZ – dass ich tatsächlich nur verifizierte Nachrichten bringe. Ich war direkt beim Einsatzleiter, ich habe es direkt vor Ort, ich habe mir die Augenzeugenberichte geholt. Wir haben tatsächlich nur das berichtet, was wir tatsächlich 1000prozentig so bestätigen konnten. Es wäre fatal für eine Behörde, wenn nur gerüchteweise berichtet werden würde.“

Das kann auch bedeuten, Nichtwissen zuzugeben.

„Wenn man noch nicht so weit ist, dann muss man das so klar sagen: Wir werden nach berichten, wir haben einfach noch nicht mehr. Wir haben die Verantwortung. Viele Medien haben schnell was übernommen. Die Leute standen und haben per Periscope gestreamt, und teilweise sind dann Nachrichten rausgegangen, die sich nicht haben verifizieren lassen. Es ist Aufgabe einer Behörde, Ruhe reinzubringen und dem Bürger eine Möglichkeit zu bieten – wo kann ich mich jetzt einfach  über die tatsächliche Lage informieren.“

Social Media Präsenz von Katastrophenschutz, Feuerwehr und Rettungdiensten

Die meisten Polizeidienststellen in Deutschland sind mittlerweile in den Sozialen Medien präsent. Fest steht: Bei einer polizeilichen Lage wie in München muss auch die Social Media Arbeit selbstverständlich von der Polizei geleitet werden – doch es kann auch Fälle geben, bei denen Feuerwehr, Rettungsdienste oder Katastrophenschutz das übernehmen müssen. Natürlich ist es aufwändig, einen Account vorzuhalten – nur für diesen unwahrscheinlichen Fall. Doch wenn es ernst wird, kann das jedoch sehr viel nützen. Andererseits muss auch klar sein, wer bei einem Unglück die Führung auf den Sozialen Medien übernimmt.

„Sinnvoll ist es, wenn möglichst ein Kanal das macht, wenn alle auf einmal zu posten und tweeten anfangen, dann verwirre ich den Nutzer mehr, als dass ich Information rüberbringen kann. Es ist schon entscheidend, ob diese Nachricht entsprechend abgestimmt ist. Sinnvoll ist es, wenn sich die einzelnen Behörden in Bezug auf die Öffentlichkeitsarbeit mal an einen runden Tisch setzen würden und überlegen: Was mache ich im Fall X? Wie wollen wir reagieren?“

Und das natürlich im Vorwege – denn im Ernstfall ist für so eine Abstimmung kaum noch Zeit.

 

Im zweiten Teil des Interviews, der demnächst folgt, spreche ich mit Oliver Timper darüber, ob die BOS besser Facebook oder Twitter nutzen und wie sie mit Hashtags und Live Videos umgehen sollten.

 
Text: Jan Müller-Tischer, Trainer und Berater für BOS und Katastrophenschutz

Fotos: Polizei München