Vier Jahre VOST Kanada – Interview mit Gründer Patrice Cloutier

Patrice-Cloutier2In immer mehr Ländern werden so genannte VOSTs aufgestellt. Aber wie arbeiten solche Virtual Operations Support Teams eigentlich genau? Ich habe mit Patrice Cloutier aus Toronto gesprochen. 2012 hat er das kanadische Virtual Operations Support Team CanVOST gegründet. Es bietet Recherche und Social Media Monitoring für Behörden und Katastrophenschutz an.

Im Mai überwachte VOST Canada die Sozialen Medien, während ein riesiges Buschfeuer die Gegend rund um Fort McMurray verwüstete. Es verbreitete sich über 590.000 Hektar und verursachte den größten Schaden in der kanadischen Geschichte.

VOST Kanada tritt  nur auf eine offizielle Anforderung hin zusammen, erklärt Patrice. „Wir arbeiten mit den offiziellen Organisationen. So stellen wir sicher, dass unsere Analysen direkt an die Stäbe gehen. Wir haben auch schon mit dem Roten Kreuz zusammengearbeitet – aber meistens  nur mit staatlichen Stellen. Wir starten nicht einfach aus eigenem Antrieb, sondern warten auf eine Anforderung.“

Die Kanadischen Experten informieren sich auch über Ereignisse in anderen Ländern, auch bei uns. Patrice ist der Meinung, dass die Polizei in München, was die Informationen über Social customLogoMedia angeht, hervorragend gearbeitet hat. „Es ist immer schwer für Behörden zu reagieren, während das Ereignis noch anhält. Da muss man sehr vorsichtig sein und einen guten Plan in der Tasche haben. Das ist eines meiner Spezialgebiete. Sie haben es in München gut gemacht – sie taten, was sie tun mussten.  Sie haben hauptsächlich gesagt: Bleibt weg und bleibt zuhause. Was soll man tun? Warten, bis die Information vier Stunden später verifiziert wurde oder reagiert man mit: Bringen Sie sich in Sicherheit, da könnte… – es kommt vor allem darauf an, wie man die Information rüberbringt. Diese Meldungen sind bisher nicht bestätigt, wir raten aber zur Vorsicht, nur für den Fall. Man braucht eben einen Plan auch für solche Eventualitäten.“

VOST Canada überwacht vor allem Facebook und Twitter, ist aber auch  bereit, weitere Plattformen zu nutzen. „Es ist unmöglich, jeden Post zu erfassen. Deshalb muss  man herausfinden, wie man einen guten Querschnitt erzielt. Was gibt mir einen Eindruck über das, was in den Social Media passiert? Deshalb lassen sich Facebook und Twitter am besten überwachen. Es geht auch am einfachsten, weil es so viele kostenlose Werkzeuge dafür gibt. Deshalb nutzen wir diese sowohl für Facebook und Twitter und liefern die Analysen gleich mit.“

Um sowohl Katastrophen zu erfassen, die längere Zeit andauern, als auch kurzfristige Notfallereignisse, arbeitet CanVOST verschiedene Arten von Berichten aus. „Routinemäßig senden wir unsere Reports an jede neue Schicht im Stab. Also alle 6, 8 oder auch 12 Stunden, je nachdem. Da geht es um die Entwicklungen, die nötigen Maßnahmen und die Bitten um Hilfe. Dazu kommt einiges an Analyse und die wichtigsten Links – falls Freiwillige anfangen, eine Karte des Krisengebietes zu erstellen, oder ähnliches.“

So beliefern sie die Experten in den Krisenstäben mit allem, was ihnen helfen kann, die Vorgänge in den Sozialen Medien zu verstehen. „Dann arbeiten wir noch den Bericht für den Leiter aus – etwa alle vier bis sechs Stunden. Das Wichtigste: Das passiert jetzt gerade, das könnte auf den Stab zukommen. Und wir liefern so viele Links wie möglich. Die Leute sehen gerne Fotos und Videos – das gibt ihnen ein besseres Verständnis dafür, wie sich das Ereignis weiterentwickelt.”

Für andauernde Lagen wie in München bieten sie außerdem auch dringende Reports an: „Wenn wir etwas lebensgefährliches sehen oder etwas, dass die öffentliche Sicherheit gefährdet. Falls also jemand damit beginnt, die Bewegungen der Polizei zu beschreiben oder jemand in einem übefluteten Gebiet gefangen ist, etwa. Falls wir so etwas bemerken, können wir es so weitergeben.“

Andere VOSTs nutzen ihre Twitter und Facebook Accounts, um die offiziellen Meldungen weiterzuleiten. VOST Canada bleibt dagegen meistens ruhig. „Das machen wir nicht so, denn unsere Accounts sind nicht so bekannt. Es wäre also, als wenn wir in den Wald hineinrufen würden. Niemand würde uns hören. Wir konzentrieren uns auf unsere Mission: Social Media zu überwachen. Wir sind eben eine Rechercheeinheit für Behörden für die Sozialen Medien.”

Für Patrice zeigt die Geschichte von CanVOST, dass dieses Konzept aufgeht. „So lange die Kontakte rechtzeitig aufgebaut werden. Das macht vieles leichter, wenn wirklich ein Notfall eintritt.“

 

Text und Titelbild: Jan Müller-Tischer, Trainer und Berater für BOS und Katastrophenschutz

Foto und Logo: Patrice Cloutier / CanVOST