„Alles für die Pressefreiheit. Das sind Livebilder für Euch!“ Eine Analyse des Periscope-Videos von München

Aus einem Augenzeugen wurde gestern ein Livereporter. Mit seinem Stream auf Periscope nach dem Attentat von München gestern Abend erreichte der User „Jack Daniels“ 870.000 Zuschauer – davon 110.000 Live. (Stand: 23.7., 10:30 Uhr).

Sein Video zeigt, dass Live-Streaming auch für Polizei und Katastrophenschutz bei künftigen Ereignissen eine extrem wichtige Rolle spielen wird. Facebook und Twitter-Monitoring reichen nicht mehr aus. Auch Facebook- und Periscope-Livestreams müssen überwacht werden, um eingreifen zu können.

Ich habe mir das Video angeschaut und aus Sicht des Katastrophenschutzes und der BOS analysiert.

Die live gesprochenen Kommentare von „Jack Daniels“ sind fett,

die Chat-Beiträge seiner Zuschauer kursiv,

meine Bildbeschreibung und meine Analysen normal gesetzt.

 ——————————————–

Der Videostream von „Jack Daniels“ beginnt. Er zeigt eine breite Straße vor einem Einkaufszentrum.

Polizeieinsatz am Olympia Einkaufszentrum, angeblich gab es Schüsse. Die Straße ist gesperrt. Ich sende live.

Blaulicht überall, immer mehr Polizeifahrzeuge treffen ein. Davor viele andere Zuschauer, die sich – ebenso wie er, ohne es zu wissen, in Lebensgefahr bringen.

Viele Polizisten haben Maschinengewehre, es kreist ein Polizeihubschrauber. Angeblich gab es Verletzte, das kann ich aber nicht bestätigen.

Pass auf Dich auf

Die Zahl der Zuschauer steigt rasant an. Viele zeigen ihre Anerkennung, indem sie per Fingertipp Herzchen auf dem Bildschirm aufsteigen lassen. Per Chat kommen immer mehr Kommentare, auf die er direkt antwortet. Dadurch entsteht eine Kommunikation in Echtzeit zwischen den Zuschauern und dem Augenzeugen.

Ja – ich pass auf mich auf, hier ist eine Betonsäule, ich versteck mich ein bisschen. Hanauer Straße, München, in Nähe des Mona Einkaufszentrums. Polizisten mit Maschinengewehren. Fast alle haben Schutzwesten an. Man darf die Straße nicht überqueren. Angeblich gab es Schüsse. Jetzt müssen wir weitergehen, der Poizist schickt uns weiter. Ich bleibe trotzdem live so lange ich kann.

Versteck Dich

Alles für die Pressefreiheit. Das sind Livebilder für Euch. Ich habe keine Schüsse gehört, ich kam Gottseidank ein wenig zu spät.

Er bekommt einen Hinweis aus dem Chat, dreht sein Handy jetzt in Querposition, so dass die Qualität besser wird.

Ich habe nur noch 20 Prozent Akku, ich bleibe so lange ich kann.

Er reagiert zunehmend auf die Kommentare aus dem Chat, spricht auf Wunsch seiner Zuschauer auch auf Englisch weiter.

I didn´t hear any shots, I came later.

Ok, jetzt kommen die bösen Jungs. Jetzt kommen die Spezialeinsatzkommandos.

Durch solche Hinweise können Tätern wichtige Informationen geliefert werden. Eine große Gefahr für die Polizisten. Die Polizei München bittet deshalb per Twitter, keine Bilder von Einsatzkräften zu veröffentlichen. „Jack Daniels“ erreicht diese Info zu diesem Zeitpunkt nicht.

Ich bleibe solange online, wie ich kann. Und dann müsst ihr wieder den Fernseher anmachen. Ich habe vorher versucht, bei Facebook zu streamen, es hat nicht geklappt. Aber Periscope geht noch, Gottseidank.

Dieser Satz wird den Verantwortlichen von Facebook sicherlich zu denken geben. Denn dieser Stream ist ein großer Imagegewinn für Periscope.

I don´t know, if the shooter is still alive. It´s Munich, Hannover Street. It is everything live. I see a lot of policemen with machine guns.

Es verbreiten sich wie immer sehr schnell die Gerüchte.

„Jack Daniels“ dagegen verhält sich höchst professionell. Er kennzeichnet die Gerüchte, die er hört und sagt mehrfach, dass er kaum  Informationen hat. Bei anderen Augenzeugen könnte das anders sein. Dann würden sich Gerüchte noch schneller verbreiten als bisher schon über die Social Media. Die Frage ist hier: Wie sollen Polizei und Katastrophenschutz hier eingreifen? Es reicht nicht mehr aus, ausschließlich auf Twitter und Facebook zu agieren. Zukünftig müssen die Behörden auch auf solche Livestreams achten. So können sie Informationen gewinnen, Gerüchte dementieren und mit den unerfahrenen Livestreamern direkt in Kontakt treten. Etwa, um sie aufzufordern, keine Polizei im Einsatz oder keine schrecklichen Szenen zu zeigen. Oder aber – um ein optimales Livebild für den Stab zu erhalten.

Ich habe gerade die Anfrage von BBC bekommen, ob die mich kontaktieren können. Jeder kann das sehen, ich möchte keinen Kommentar dazu geben.

Watching from Maryland, USA

Man wird langsam nervös. Ich habe selbst ziemlich Schiss. Dass das in der Nähe von meinem Haus passsiert, kann ich gar nicht glauben. Wenn jemand weiß, was da abgeht, sagt mir bitte Bescheid. Ich sehe nur, was ich streame. Wir werden weggeschickt, von Feuerwehrleuten. Leute, es ist live.

Ich habe gelesen, 15 Leute erschossen.

Jetzt bräuchte ich aber einen externen Akku. Ich habe keine Toten gesehen, ich kann das nicht bestätigen, ich kann nicht sagen, was da abgegangen ist. Ehrlich gesagt, streame ich zum ersten Mal mit Periscope.

Über den Chat erfährt er jetzt, dass sein Stream (offensichtlich, ohne ihn vorher zu fragen) von mehreren Fernsehsendern live übernommen wird. Das ist presserechtlich mehr als fragwürdig. Denn die Programmverantwortlichen haben damit keine Chance, auf die gesendeten Bilder Einfluss zu nehmen. Sie unterwerfen sich ganz der Intuition eines ihnen völlig unbekannten Augenzeugen. Das führt zu einer weiteren Verbreitung des Streams, so dass die Zahl der Zuschauer immer weiter steigt.

 Video gerade auf NTV

Ich sehe gerade drei Frauen, die weinen, das will ich aber nicht zeigen.

Auch diese Zurückhaltung können wir bei zukünftigen Ereignissen und anderen Akteuren nicht erwarten. Auf diesem Wege könnten also innerhalb kürzester Zeit schreckliche Bilder in die Öffentlichkeit gelangen.

Gottseidank habe ich kein Foto in Twitter drinnen. Ja, liebe NTV und N24. Bringt mir jetzt einen externen Akku, dann bleibe ich noch länger da.

Ich schau gerade aus Thailand. Unfassbar.

„Jack Daniels“ handelt jetzt immer mehr wie ein professioneller Journalist. Kurz zuvor hat er einen Nebenstehenden befragt und fasst die Informationen jetzt für seine Zuschauer zusammen. Er hat sich inzwischen etwas zurückgezogen und steht jetzt am Eingang einer U-Bahnstation.

Ich habe gerade mit einem Mitarbeiter (…) gesprochen. Der meinte, ein bewaffneter Mann ging ins Olympia Einkaufszentrum rein, hat um sich wild rumgeschossen, manche Leute erschossen. Schrecklich, was da passiert. Es ist einfach nur schrecklich.

Viele sind schockiert. Manche weinen. Ich bin auch nicht in der besten Verfassung. Ich finde das alles schrecklich, was da gerade abgeht. Die Polizisten durchsuchen jetzt ein weiteres Gebäude. Ich sehe überhaupt keine Presse. Dies ist live.

Ich will nicht sagen, dass das einen islamistischen Hintergrund hat. Ich möchte alle bitten, sich solche Kommentare zu sparen. Lasst das einfach sein.

Mit diesem Aufruf von „Jack Daniels“ endet sein Stream. Offenbar war der Akku leer.

Er zeigt, dass BOS und Katastrophenschutz die Livestreams von Facebook und Periscope ab sofort genau im Auge behalten müssen, um schnell darauf reagieren zu können.

 

Text: Jan Müller-Tischer, Trainer und Berater für BOS und Katastrophenschutz

Foto: Periscope Screenshot