Social Media und der Anschlag von Nizza

Der schreckliche Anschlag in Nizza hatte auch erschreckende Folgen in den Social Media. Gezielte Falschmeldungen scheinen immer mehr zum Problem zu werden – auch hier müssen Stäbe bei zukünftigen Katastrophen und Anschlägen eingreifen, um zusätzlichen Schaden zu vermeiden. Hier eine Auswahl der Meldungen, die mir aufgefallen sind:

Der falsche Täter und das falsche Opfer

Angeblich sollte er schon an den Terroranschlägen von Paris beteiligt sein. Jetzt taucht ein Kanadier in den sozialen Medien auch als Täter von Nizza auf. Nichts davon stimmt. Unbekannte hatten sein Foto bei Twitter heruntergeladen und manipuliert.

Ein Mexikaner wiederum soll bei dem Anschlag in Südfrankreich ums Leben gekommen sein. Genau wie zuvor bereits am Atatürk Flughafen in Istanbul, beim Attentat auf den Nachtclub in Orlando oder beim Absturz der EgyptAir-Maschine über dem Mittelmeer.  Offenbar handelt es sich dabei um eine Racheaktion von Ex-Freunden. Die WAZ fasst das in einem lesenswerten Artikel zusammen.

„Allahu Akbar“ oder nicht?

Der Täter habe „Allahu Akbar“ – also „Allah ist groß“ gerufen, schreibt der britische Telegraph. Und beruft sich auf die lokale Tageszeitung Nice-Matin. n-tv, Stern.de, aber auch The Sun und die Bildzeitung ziehen nach. Doch bei Nice-Matin gab es diese Information zuvor gar nicht. Cicero hat für einen lesenswerten Artikel recherchiert, wie sich die Meldung nach und nach über die Liveticker und Onlineseiten der internationalen Medien verbreitet hat.

Das Video vom brennenden Eiffelturm

Nach den Anschlägen sorgte ein Video, das dunklen Rauch am Eiffelturm in Paris zeigt, für Panik. User vermuteten einen Zusammenhang und einen zweiten, parallelen Anschlag. Wie die Mopo berichtete, reagierte die Pariser Polizei sofort: „Bitte verbreiten Sie keine falschen Gerüchte – es gibt kein Feuer am Eiffelturm“, hieß es von dort. Offenbar hatte ein LKW auf einer benachbarten Brücke gebrannt.

Die Polizei versucht die Veröffentlichung schrecklicher Bilder zu verhindern

„Bitte verbreiten Sie keine Gerüchte und schockierenden Fotos oder Videos“ postet die Gendarmerie Nationale laut euronews um Mitternacht. Im Netz kursierten zu diesem Zeitpunkt Amateuraufnahmen, die die Amokfahrt des LKW-Fahrers zeigen. Weitere Anweisungen über Twitter lauten: „Behindern Sie nicht die laufenden Hilfsmaßnahmen. Vermeiden Sie die Innenstadt.“

Fehler bei der Terror Warnapp

Eine sehr interessante Meldung haben meine Kollegen von DGSMTech entdeckt: Offenbar hat die französische Warnapp SAIP – die ich vor kurzem auf meiner Seite vorgestellt hatte – die Bevölkerung in der Nähe des Anschlages erst mit drei Stunden Verspätung gewarnt. Nutzer beschwerten sich laut FAZ bei Twitter über den Fehler. Demnach wurden die App-Designer am Freitagnachmittag zu einem Krisentreffen im Innenministerium einbestellt.

Facebook-Community als Frühwarnsystem

Luke Woods, Head of Product Design bei Facebook, hat nach dem Anschlag in einem Interview auf Spiegel Online über entscheidende Neuerungen zum Safety-Check gesprochen: Bisher war diese Nachfrage „Bist Du sicher?“ allein von den Facebook-Bediensteten ausgelöst worden. Jetzt geschieht das, wenn das System auffällig viele Postings über ein bestimmtes Thema, einen Ort oder einen Anschlag erkennt. Dann werden diejenigen, die von dort gepostet haben, gefragt, ob sie sich selbst als „in Sicherheit“ markieren wollen.

 

 

Text: Jan Müller-Tischer, Trainer und Berater für BOS und Katastrophenschutz

Foto: Screenshot Twitter / Gendarmerie Nationale