Rock am Ring und Twitter: Interview mit einem englischsprachigen Besucher

Bremen Hauptbahnhof, 12:34 Uhr. Strahlender Sonnenschein. Als ich in den Intercity nach Westerland einsteigen will, steigen drei völlig vermatschte Gestalten in Gummistiefeln aus. Mitfühlende Gesichter der Wartenden auf dem Bahnsteig. „Rock am Ring?“ – „Yep.“

Jetzt sitze ich im Metronom. (Der Intercity ist kaputt und steht immer noch am Bahnsteig, aber das ist eine andere Geschichte.) Und verfolge die Facebookseite des Festivals. Das wurde ja bekanntlich nach dem Blitzeinschlag mit rund 80  Verletzten schließlich abgebrochen, die Besucher wurden aufgefordert, bis 12 Uhr nach Hause zu fahren. Gar nicht so einfach in dem Schlamm. Jetzt weiß ich auch, warum: Für 13 Uhr wird das nächste Unwetter erwartet.

„GEWITTERWARNUNG! Bitte begebt Euch unverzüglich zum Eigenschutz in Eure Fahrzeuge!!“

Also genau jetzt. Ich schaue mir mal den Twitter-Feed und die Facebookseite des Veranstalters an:

Screenshot_2016-06-05-11-31-13Die hat mehr als 400.000 Likes. Es ist also im Ernstfall Ist also wichtig für die Behörden, diesen Kanal mit zu nutzen. Für die Kommunikation auch der Behörden mit den Festivalteilnehmern und – genauso wichtig, aber oft vergessen – mit den Angehörigen Zuhause. Wenn ich die letzten Tage zurückscrolle, sehe ich: Die Kommunikation des Veranstalters auf Twitter und Facebook ist aktuell und lückenlos. Klar – wer ein Festival einer solchen Größenordnung durchführt, muss Profi in Social Media sein.

Nach dem Blitzeinschlag am Freitagabend finden sich Informationen über die Zahl der Verletzen, aber auch darüber, dass die betreffenden Kliniken Angehörige informieren werden. Auch eine Info-Telefonnummer wird genannt.

Auf Twitter fällt mir auf: Längst nicht alle Tweets nutzen den „offiziellen“ Hashtag #rar2016. Wer also von Seiten der BOS oder des Katastrophenschutzes mitlesen will, der muss bei solchen Veranstaltungen und größeren Unglücken immer mehrere Suchwörter parallel angeben, damit ihm nichts durch die Lappen geht. Und dranbleiben, falls sich die Netzgemeinde auf einen neuen Hashtag „einigt“. Wichtig auch: Bei solchen internationalen Events auch auf mögliche englische Kommentare achten. Wie diese von George T. Barton aus Luxemburg:

“#rar2016  The evacuation on Saturday night was chaotic, too late, and resulted in disaster.”

“An international event with MANY non-German visitors. The little information available, including on safety, was only in German!”

Per Twitter frage ich ihn, ob er gerade Zeit hat, mir ein paar Fragen zu beantworten. Für BOS kann das im Ernstfall ein guter Weg sein, an Informationen von Augenzeugen zu kommen.

hHbdVx88Frage: „Wie haben Dir die Sozialen Medien geholfen, mit der Situation fertigzuwerden?“

George T. Barton: “Wenn es Informationen gab – ich sah nichts auf Englisch. Dieselben Beschwerden kommen von vielen, mit denen ich hier gesprochen habe, die kein Deutsch verstehen.“

Frage: Hast Du nach Informationen von offiziellen Stellen wie Rettungsdienst oder Polizei gesucht? Keine englischen Versionen?

George T. Barton: “Ich habe mit Security-Mitarbeitern gesprochen. Die wenigen, die englisch sprachen, hatten auch keine offiziellen Informationen!”

Ich schaue mal nach und finde auf Twitter ein paar englische Nachrichten des Veranstalters, aber die sind offenbar bei vielen nicht angekommen. Nun – da gibt es offensichtlich Nachholbedarf.

Auf Periscope konnte man sich übrigens die Gewitterstürme live anschauen. Unter anderem hier:

https://www.periscope.tv/tobilingen/1yoJMYzWzLXJQ

Kling vielleicht zynisch – aber wenn die Entwicklung so weitergeht, können sich die Leitstellen bald live anschauen, was vor Ort los ist – bevor sie die entsprechenden Einheiten alarmiert haben.

Zwischenhalt in Ottersberg. Jetzt überholt uns der Intercity, den ich eben noch fluchtartig verlassen habe. Naja, man kann nicht alles haben. Außerdem ist hier die Klimaanlage besser…

Auch die Polizei Koblenz twittert fleißig. Gibt Informationen über Staus und wie die Abreisenden am Besten wegkommen. Auch auf der Facebookseite der Polizei Rheinland-Pfalz finden sich viele Informationen zur Entwicklung auf dem Festival.

Nächster Halt: Scheeßel. Home of Hurricane Festival.

Peter Bee twittert gerade: „Wenn #rar2016 abgebrochen wird fängt das #Hurricane2016 Festival erst an. ;-)“

Wenn ich mir das Video der Band DONOTS auf Facebook anschaue, bezweifle ich das…

Die Veranstalter vom Hurricane Festival und vom Wacken Open Air werden sich sicher auch sehr genau anschauen, was da bei Rock am Ring passiert ist. Und die Behörden aus den Kreisen, in denen solche Festivals stattfinden, sollten das auch tun.

15:02 Uhr: Bis Hamburg bin ich schonmal gekommen. Immer noch besser, als bei Rock am Ring festzustecken…

Text : Jan Müller-Tischer, Trainer und Berater für BOS und Katastrophenschutz

Foto: George T. Barton