Warum Social Media während einer Großveranstaltung für den Katastrophenschutz so wichtig sind

Manchmal frage ich mich, wie wir uns eigentlich früher auf Festivals verabredet und wiedergefunden haben. Wahrscheinlich traf man sich notfalls einfach spätabends am Zelt wieder. Oder schlief notfalls in einem anderen? Meine eigene Erinnerung an diese Zeiten ist eher nebulös – ich kann mir gar nicht erlären, warum. Heute läuft das natürlich über die Social Media, allen voran über die Messenger wie Whatsapp. Auch die Veranstalter gehen mit der Zeit – twittern und posten fleißig auf Facebook – oft in mehreren Sprachen zugleich.

Was passiert, wenn auf einem Festival etwas Unvorhergesehenes geschieht, zeigt ein Beispiel aus Holland. Nachdem ein schwerer Sturm das Pinkpop Festival 2014 durcheinandergewirbelt hatte, stieg die Zahl der Posts in den Sozialen Medien über Stunden extrem an – übrigens vor allem durch Angehörige, die wissen wollten, ob die Festivalbesucher das Unwetter gut überstanden hatten.

Das ist wichtig für den Katastrophenschutz: Wenn ein Festival aus dem Ruder läuft, wenn Hilfe von außen benötigt wird. Wenn vielleicht sogar das Gelände, oder zumindest ein Teil davon, geräumt werden muss. Die Besucher lassen dann vieles in ihren Zelten und Autos zurück – aber das Smartphone haben sie mit Sicherheit in der Tasche. Solange die Infrastruktur (Mobilfunkmasten) intakt ist, spielt sich nach einem Unglück in den Sozialen Medien erstmal zigtausendfach folgendes ab:

  • Besucher kontaktieren sich gegenseitig – „Geht es Dir gut – wo bist Du?“
  • Besucher schreiben über das Ereignis – „Hier ist gerade etwas schlimmes passiert!“
  • Angehörige fragen die Besucher – „Alles in Ordnung bei Dir, mein Kind?“

Auch ein gut vorbereiteter Veranstalter wird die Kanäle der Sozialen Medien in dieser Situation nutzen – für Warnung und Information der Festivalgäste etwa.

Hier muss der Katastrophenschutz ansetzen: Denn die Twitteraccounts, die Facebook- und Webseiten des Veranstalters sind bekannt und werden zuallererst genutzt. Nach entsprechender Absprache (vor dem Festival natürlich) können hier auch wichtige Infos der Behörden weitergegeben werden.

Noch besser ist es jedoch, wenn die offiziellen Meldungen (in enger Abstimmung) von eigenen Accounts aus erfolgen. Wenn das Festival etwa abgesagt wird oder Bereiche geräumt werden müssen, ist das meiner Meinung nach sogar unvermeidlich. Doch dazu muss der Kreis seine Hausaufgaben vorher gemacht haben: Twitteraccounts, Facebookseiten etc. müssen fertig angelegt sein, es müssen genug gut geschulte Mitarbeiter vorhanden sein, die die Kanäle überwachen, aber (auch englisch) schreiben können. Und das alles neben der „normalen“ Pressearbeit und der Einrichtung eines Bürgertelefons.

Ist viel Arbeit, klar. Aber so kann der Stab vor die Lage kommen und die Sozialen Medien nutzen für:

  • Information: „Das Festival ist offiziell beendet – bitte fahren Sie wenn möglich nach Hause.“
  • Warnung: „Bitte halten sie folgenden Straßen frei – weitere Einsatzkräfte sind auf dem Weg.“
  • Steuerung: „Der zusätzliche Sanitätstützpunkt ist jetzt einsatzbereit – hier finden Sie Hilfe.“
  • Richtigstellung: „Nein, das Feuer auf dem Campingplatz ist nicht außer Kontrolle.“
  • Entlastung des Bürgertelefons: „Ausführliche Informationen finden Sie unter www.xxx.de.“
  • Suche von Fachleuten: „Wir brauchen zusätzliche Sanitäter und Dolmetscher.“
  • Lagebild: „@xxx: Ist bei Ihnen schon Hilfe eingetroffen?“

Auf keinen Fall aber sollten sich die Behörden nur auf ihre eigene Homepage (oder die des Veranstalters) stützen. Die wird in so einem Fall den vielen Klicks nicht standhalten. Facebook und Co haben stärkere Server, die nicht so schnell in die Knie gehen. Dazu kommt noch ein neuer, ungewohnter Job für den S6. Er muss nämlich nicht nur die Kommunikation der eigenen Einsatzkräfte sicherstellen, sondern auch die der Betoffenen. Etwa mit Ladestationen und freigegebenem W-LAN – damit die Betroffenen weiter kommunizieren können.

 

Text und Foto: Jan Müller-Tischer, Trainer und Berater für BOS und Katastrophenschutz